Gute Nachbarschaft entsteht nicht von selbst

Viele interessierte und engagierte Menschen aus Stuttgart-Rot und darüber hinaus kamen am 17. Dezember 2024 zur öffentlichen Infoveranstaltung im WohnCafé zusammen – nicht alle mit dem Ziel, später selbst einzuziehen, aber alle mit dem Wunsch, eine funktionierende Nachbarschaft mitzugestalten. Auch Vertreter*innen sozialer Träger aus dem Stadtteil waren dabei.

*Hinweis: Dieses Dokument stammt vom Auftakt des Prozesses im Dezember 2024. Einige Informationen – etwa Termine und Fragebögen – haben sich seitdem aktualisiert. Es gibt einen Überblick über den Ansatz und die Rahmenbedingungen des Prozesses.

So lief der Prozess ab

Phase 0 – Start und Orientierung Okt – Dez 2024

Bildung der Kerngruppe und Aufteilung in vier Arbeitskreise (Clusterwohnen, Gemeinschaftsflächen, Zusammenleben im Haus, Zusammenleben im Quartier). Gemeinsame Quartiersbegehungen, Workshops und Gespräche mit Wohninteressierten halfen, ein gemeinsames Bild vom künftigen Quartier zu entwickeln.

Phase 1 – Visionen und Erwartungen Feb 2025

Zum Visionsworkshop am 06. Februar im WohnCafé kamen rund 30 Engagierte aus Stuttgart-Rot zusammen. Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen ans gemeinschaftliche Wohnen wurden gesammelt – von gelebter Nachbarschaft und gegenseitiger Unterstützung bis hin zu Gemeinschaft und Privatheit.

Phase 2 – Vertiefung in Arbeitskreisen Mär – Nov 2025

Die vier Arbeitskreise arbeiteten weitgehend eigenständig und selbstorganisiert an ihren Schwerpunktthemen – unterstützt durch das Neue Heim und die STADT BERATUNG Dr. Sven Fries GmbH sowie eine gemeinsame Arbeitsplattform über Microsoft Teams. Regelmäßig kam die gesamte Kerngruppe zusammen, um Zwischenergebnisse zu teilen, gemeinsam weiterzudenken und Input von Fachexpert*innen und den Planer*innen des Quartiers einzuholen. Ein wichtiger Bestandteil des Prozesses war der Realitätscheck: Mehrmals stellten die Arbeitskreise ihre Zwischenergebnisse einem breiteren Publikum vor – beim Roter Herbstfest, bei einer Veranstaltung im WohnCafé mit Wohninteressierten sowie während des IBA-Festivals bei der Grundsteinlegung des Quartier am Rotweg. So flossen Perspektiven von Menschen ein, die nicht Teil der Kerngruppe waren, aber vielleicht bald im Quartier wohnen werden.

Phase 3 – Ergebnisse und Übergabe Dez 2025 – Jan 2026

In einem gemeinsamen Abschlusstreffen stellten die Arbeitskreise ihre Ergebnisse vor und der Prozess wurde gemeinsam reflektiert. Nach einer finalen Überarbeitungsschleife wurden die Leitlinien aller vier Arbeitskreise zusammengeführt und der Baugenossenschaft übergeben. Sie bilden die Grundlage für das Miteinander im neuen Quartier.

Die vier Arbeitskreise

AK Clusterwohnen

„Ich wohne auf 58 qm. Miete zahle ich für 38 qm. 29 qm teile ich mit drei Mitbewohnenden.“

Clusterwohnen ist eine in Stuttgart neue Wohnform: Mehrere kleine Privatwohnungen mit eigenem Bad und Miniküche gruppieren sich um großzügige Gemeinschaftsräume wie Küche, Wohnzimmer und Terrasse. So ist beides möglich – Rückzug ins Private und echtes Miteinander. Im Quartier am Rotweg gibt es fünf Clusterwohnungen in drei Häusern – in verschiedenen Größen und Zuschnitten, von kleinen Clustern mit drei Parteien bis zu größeren Gemeinschaften mit sechs Parteien und flexibel nutzbaren Räumen.

Der Arbeitskreis hat untersucht, was diese Wohnform gelingen lässt – und wo die Herausforderungen liegen. Zentrale Erkenntnisse: Clusterwohnen fördert Nachhaltigkeit und Solidarität, erfordert aber auch Offenheit, Kompromissbereitschaft und die Bereitschaft, sich auf eine gemeinsame Gruppenkultur einzulassen. Konflikte gehören dazu – sie lassen sich in der Regel gut im direkten Gespräch lösen.

AK Gemeinschaftsflächen

Wo Mitmachen verbindet und Gemeinschaft entsteht

Gemeinschaftsflächen sind die Orte, an denen das alltägliche Miteinander wirklich stattfindet: spontane Begegnungen, geteilte Routinen, gemeinsame Aktivitäten. Von der Waschbar bis zur Dachterrasse prägen sie die Atmosphäre des Quartiers – und tragen dazu bei, dass sich Menschen nicht nur Tür an Tür, sondern miteinander zu Hause fühlen.

Der Arbeitskreis hat konkrete Ideen und Konzepte für die Nutzung dieser Flächen entwickelt – von der Quartiersküche als Herzstück der Nachbarschaft über den Gemeinschaftsdachgarten bis hin zu Jokerräumen und Freiflächen. Zentrale Erkenntnis: Damit Gemeinschaftsflächen für alle funktionieren, braucht es klare Zuständigkeiten, eine offene Willkommenskultur und die Flexibilität, auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen zu können.

AK Zusammenleben im Haus

Ein Zuhause für alle – geprägt von Respekt und Rücksicht

Im Haus werden unterschiedliche Menschen zusammenwohnen – mit verschiedenen Lebensweisen, Bedürfnissen und Vorstellungen. Der Arbeitskreis hat sich gefragt: Was braucht es, damit das gut funktioniert?

Mit Hilfe der Methode der Gewaltfreien Kommunikation hat die Gruppe Leitlinien für das Miteinander erarbeitet – für unterschiedliche Personengruppen wie junge Menschen, Familien oder Menschen mit Unterstützungsbedarf. Die Leitlinien geben Orientierung zu Themen wie Kommunikation und Konfliktlösung, Rücksichtnahme im Alltag und gemeinsamen Feiern.

Im Mittelpunkt stehen gegenseitige Wertschätzung, Vertrauen und die Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Gemeinsame Aktivitäten und Begegnungen fördern den Zusammenhalt und schaffen die Grundlage für ein Zuhause, in dem sich Menschen unterschiedlicher Generationen und Lebenssituationen willkommen und eingebunden fühlen.

AK Zusammenleben im Quartier

Gemeinsam entscheiden – fair für alle

Wie treffen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen Entscheidungen, die alle mittragen können? Mit dieser Frage hat sich der Arbeitskreis intensiv beschäftigt – und dabei die Soziokratie als vielversprechenden Ansatz entdeckt.

Die Soziokratie ist eine Form der Selbstorganisation, bei der nicht Mehrheiten entscheiden, sondern Konsent: Ein Vorschlag gilt als angenommen, wenn niemand schwerwiegende Einwände hat. Das macht Entscheidungen tragfähiger und bezieht alle ein.

Für das Quartier am Rotweg hat der AK ein Kreismodell entwickelt, das Beteiligung sowie Vernetzung über das Neubauquartier hinaus stärkt. Jedes Haus bildet einen eigenen Kreis, der selbst Entscheidungen trifft. Delegierte vertreten die Häuser in einem gemeinsamen Quartiersrat, der hausübergreifende Anliegen koordiniert und den Austausch mit weiteren Akteur*innen im Umfeld des Neubauquartiers fördert. So entstehen tragfähige Entscheidungen und starke Verbindungen – innerhalb des Quartiers und darüber hinaus in den Stadtteil.

Was aus dem Prozess entstanden ist

Die erarbeiteten Leitlinien sind ein erster Schritt – kein abgeschlossenes Regelwerk. Sie fließen in die Postkartenserie „Ankommen im Quartier“ ein, die künftige Bewohner*innen beim Einzug erhalten. Die Postkarten erklären, wie das Quartier funktioniert – von Städtebau, Wohnformen, Gemeinschaftsflächen über Spielregeln für das Miteinander bis hin Quartiersmanagement und der Infos zur Genossenschaft.

Viele konkrete Fragen lassen sich erst im gelebten Alltag beantworten. Die künftigen Bewohner*innen sind eingeladen, die Ergebnisse weiterzuentwickeln und das Miteinander aktiv mitzugestalten.